Das Familiengeheimnis

Schreiben Sie Tagebuch? Nein? Aber wie sollen dann dereinst Ihre Nachfahren über Ihr Leben und vor allem über Ihre Heimlichkeiten Bescheid wissen?
Romane, in welchen ein altes Tagebuch, das von vergangenen Zeiten berichtet, gefunden wird, haben Hochkonjunktur. Die Heldin aus der Gegenwart findet also Tagebuchaufzeichnungen der Heldin aus der Vergangenheit - et voilà offenbart sich ihr das Leben der Vorfahrin mit all seinen Geheimnissen…
Schön wär's.

 

Wer Familienforschung oder Ahnenforschung betreibt, der ist ein Glückspilz, wenn er nur schon eine alte Ansichtskarte der Urgrossmutter in den Händen hält. Im Normalfall findet man nämlich - nichts, auch wenn man so gründlich den Garten umgräbt, genauso wie Achäologen dies tun würden, wenn sie ein Römisches Lager dort vermuten. Und wenn er noch so lange auf dem Dachboden in alten Truhen wühlt, da ist nichts, rein gar nichts. Einen Staubhusten ist wohl das einzige, das er mit nach unten bringt.
Vielleicht ist eine alte Tante oder eine Grossmutter noch am Leben, die etwas über die "Alten Zeiten" erzählen kann. Vielleicht gibt es ein Hochzeitsfoto, schwarz-weiss, auf dem zwei Eheleute abgebildet sind, von denen niemand mehr weiss, wer sie waren. Vielleicht kann man es herausfinden, weil der Name des Fotographie-Studios eingestanzt ist und man erfährt, von wann bis wann es dieses Geschäft wo gegeben hat und also die Fotographie auch während dieser Zeitspanne entstanden worden sein muss.
Vielleicht…, vielleicht aber auch nicht.
In der Schweiz kann man selbstverständlich die Familienregister der Heimatgemeinde zu rate ziehen, um mit der Suche beginnen zu können. Aber auch nur, wenn sämtliche Vorfahren seit vielen Generationen Schweizer waren, falls sie eingewandert und erst viel später eingebürgert worden sind, geht das nicht. Oder wenn sie ausgebürgert wurden auch nicht. Ausgebürgert? Ja, zum Beispiel, wenn eine Schweizer Frau einen Immigranten heiratete, dann verlor sie ihr Bürgerrecht und somit auch den Heimatort und damit auch das Recht auf jedwelche Form von Eintragungen im Familienregister.
Dann kann man nur noch beten - oder man geht zur Kirche des Wohnortes der Vorfahren und blättert sich Nachmittage lang durch die riesigen Tauf-, Konfirmation-/Firmungs-, Eheschliessungs- und Sterbebücher, auch Kirchen- oder Pfarrbücher genannt. Zum Glück waren unsere Vorfahren samt und sonders in der Kirche eingebunden, sonst wären wir verloren - verloren mit unserer Suche nach Spuren der Vorfahren. Ob das damalige, von der Kirche bestimmte Leben angenehm war, wagt man zu bezweifeln, wenn man die Kommentare liest, die manch ein Pfarrer bei den Bemerkungen zu einem Ereignis eingetragen hat. Diese sind nicht selten tadelnd oder gar herablassend oder boshaft. Es gab bestimmt auch Pfarrer und Priester, die wohlwollend, gnädig und hilfsbereit waren, leider liest man kaum einen Eintrag, der einen erfreut, die meisten stimmen nachdenklich oder wirken befremdend. Aber diese Kirchenbücher sind von unschätzbarem Wert, es sind die Lebensbücher unserer Vorfahren. Und gerade diese Kommentare zeigen uns auf, wie man früher gelebt hat. Erst um 1876 wurden in der Schweiz die Zivilstandsämter eingeführt. Bis da wurde jedes Zivilstands-Ereignis nur durch die Kirchen registriert - wer heiraten wollte, musste den Nachweis der Taufe erbringen, so mancher vergilbte Brief, der noch zwischen den Seiten der Pfarrbücher liegt, zeugt davon. Diese Briefe stammen von Auswanderern, welche sich in der neuen Heimat verheiraten wollten und den Pfarrer nun baten, ihnen doch bitte ihre Taufe urkundlich zu bestätigen.
Und wo findet man sonst noch Ersatz für die fehlenden Tagebücher? In den Archiven der Gemeinde, des Bezirks, des Kantons/Staates, des Landes. Steuerbücher, Adressbücher, Kontrollbücher für Passanträge, Wanderbuch-Kontrollbücher, … Oft sind darin die Namen allerdings nicht oder nur bedingt alphabethisch geordnet, was heisst, dass man sich stunden- und seitenlang mit den alten Schriften auseinandersetzen muss, bis man findet, wen man sucht. Doch wenn man dann fündig geworden ist, dann würde man am liebsten jauchzen in dem stillen Lesesaal. Archive werden plötzlich zur (alten) Welt, oder zumindest das Tor zu dieser.
Ein Wort noch zu den alten Schriften: Alles wurde von Hand geschrieben. Die Sütterlin-Schrift wurde um die Jahrhundertwende 1900 langsam von der modernen abgelöst, da gibt es in den alten Dokumenten einen ziemlichen Mix, manche Beamte hielten sich korrekt an die Sütterlin-Schrift, andere bevorzugten wohl die neue, für uns viel schneller lesbare, Schrift, wieder andere schrieben in einem Wort sowohl alte wie neue Buchstaben…
Ja, es gibt ihn, den Ersatz für Tagebücher, aber wenn irgendwo darin ein Mysterium oder ein Widerspruch auftaucht, dann fängt die eigentliche Suche - und die Begeisterung (!) - erst an, dann muss man kreativ werden bei der Recherche, bei der Jagd nach des Rätsels Lösung, und diese Suche gleicht oft derjenigen nach der Nadel im Heuhaufen… Und am Ende steht man nicht selten nur mit Vermutungen da, die Wahrheit haben die Vorfahren mit in ihr Grab genommen.
Also: Bitte fangen Sie schleunigst an, Tagebuch zu schreiben, und dokumentieren Sie darin genauestens, wenn es in ihrer Familie einen unrechtmässigen Fall gibt, vielleicht wenn jemand zwei Kinder miteinander vertauscht oder so ähnlich - Ihre Nachfahren werden es Ihnen danken. Am besten verstecken Sie das Tagebuch vor Ihrem Tod im Geheimfach Ihres seit Generationen vererbten Sekretärs oder vielleicht auch in einem Banksafe. Oder Sie hinterlassen dort zumindest einen Schatzplan, damit Ihre Nachkommen nicht den gesamten Garten umpflügen und durchsieben müssen, um an die geheimen Dokumente zu gelangen, mit welchen sie herausfinden können, um welches Familiengeheimnis es sich handelt. Denn jede Familie hat mindestens eines davon - ein Familiengeheimnis.