Der berühmte erste Satz

Der erste Satz ist für mich immer ein Geschenk, ihn zu fabrizieren, ist wie Weihnachten, Geburtstag, Ostern und Nationalfeiertag in einem!


Kürzlich gab es im Radio eine Sendung zum Ersten Satz eines Buches. Die Moderatoren waren sich nicht einig, wann dieser so wichtige und manchmal alles entscheidende Satz (alles entscheidend darum, weil nicht selten ein Buchkauf vor allem vom Ersten Satz abhängt; wenn mir der erste Satz nicht passt, dann kann die Inhaltsangabe noch so spannend sein, ich kaufe das Buch nicht, es würde mir nicht gefallen - Leseerfahrung) vom Autor geschrieben wird: am Anfang oder vielleicht doch erst am Schluss, wenn das Buch beendet worden ist?

 

Es ist vermutlich wie mit dem Zähneputzen, der eine fängt oben rechts an, der andere unten links... es gibt unzählige Varianten des Zähneputzens, egal, wie es einen gelehrt wurde, man entwickelt seinen individuellen Stil; es gibt nicht ein gutes oder böses Putzen, Hauptsache, die Zähne sind am Schluss sauber, und das Zahnfleisch ist gesund!


So verhält es sich eben auch mit dem Ersten Satz. Jedem der Seine. Am Ersten Satz eines Buches darf man tüfteln, bevor man überhaupt die Geschichte vollständig im Kopf hat - oder immer 'mal zwischendurch während dem Schreiben. Wie es einen gelüstet. Und jeder Erste Satz eines Kapitels ist noch 'mal ein Dessert! Überhaupt sollten die Schreibenden jeden einzelnen Satz als wichtig ansehen, jeder Satz sollte ein bisschen etwas von einem Ersten Satz abbekommen, jeder Satz sollte so gebildet werden, dass er sitzt. Der Erste Satz sollte nicht nur gut sein, er sollte auch die Einleitung zu einem guten Buch sein.
Bei manchen Schreibenden führt der Weg zum Buch über den Ersten Satz. Sie "finden" einen speziellen Satz, dieser fällt ihnen so quasi zu, wenn sie etwas beobachten oder erleben oder über etwas nachdenken. Und dieser Satz enthält eine ganze Geschichte, er verleitet einen, diese Geschichte aufzuschreiben. 
Andere wiederum schreiben das Buch erst zu Ende, bevor sie sich an den Ersten Satz wagen. Für sie ist der Satz eher ein Werbetext für ihre Geschichte, etwas, was dazu verführen soll, das Buch zu lesen. In beiden Fällen enthält der Erste Satz aber die Geschichte, die nachfolgend kommt, in Kleinformat.

Der Erste Satz ist für mich so etwas wie eine Himmelsleiter, der die Lesenden in den siebten Himmel des Lesens emporheben soll, und diese Leiter soll stabil sein und auch anziehend. Der Erste Satz trägt die gesamte Geschichte.
Sol Stein widmet in seinem Buch "Über das Schreiben." dem Ersten Satz ebenfalls ein Kapitel und weitet den Ersten Satz auf den Ersten Absatz aus. Die heutigen Lesenden sind ungeduldig, sie geben einem Roman nur ein paar Minuten bis sie entscheiden, ob sie ihn lesen wollen oder nicht. Es ist wie im Kino: in den 1950ern bestand der Vorspann eines Filmes aus der Auflistung der Darsteller und anderen wichtigen Personen des Filmemachens, und zwar ohne dass darunter der Film bereits angefangen hätte, minutenlang sah man nur die verschnörkelte Schrift und im HIntergrundhörte man klassische Musik. Nicht so heute. Klar werden die Schaupieler ebenfalls genannt sowie der Name des Regisseurs etc., aber die Handlung des Films hat bereits mit der ersten Sekunde begonnen - ansonsten würde es den Zuschauenden wohl rasch langweilig werden, und sie würden in Scharen aus dem Kino strömen.
Sol Stein schreibt, dass die Erste Seite eines Buches im Idealfall drei Dinge erfüllen sollte: die Lesenden neugierig machen auf den Protagonisten, in den Handlungsrahmen einführen und der Geschichte Resonanz geben.
Am besten ist wohl, wenn der Erste Satz die Lesenden richtig packt, indem er sie etwas verwirrt, atemlos macht, und mit sich reisst - wie ein Stein, der ins Rollen gerät und andere mit sich in den Abgrund zerrt. Man liest den Ersten Satz in der Buchhandlung und muss gleich alle nachfolgenden lesen und stapft lesend zur Kasse, wo man den Verkaufenden kaum Zeit lässt, den Preis auf dem Buch einzuscannen, weil man die Finger nicht mehr von der Lektüre lassen kann. Perfekt!