Wenn sich die Welt-Geschichte querstellt

Als ich kürzlich nach einer Person mit katholischem Gauben in der Vergangenheit von Zürich suchen sollte, kam mir die Welt-Geschichte in die Quere. Eine katholische Kirche, in deren Pfarrbüchern die Taufe verzeichnet hätte sein können, fand ich nicht. Weil es keine gab! Und dann musste ich mich erst einmal mit der Geschichte von Zürich auseinandersetzen:

 

 

 

 

 

Am 1. Januar 1519 trat Huldrych Zwingli das einflussreiche Amt eines Priesters am Grossmünsterstift in Zürich an. Seine klaren, allgemein verständlichen Auslegungen der Evangelien überzeugten das Volk und den Rat von Zürich, und sämtliche Prediger in Stadt und Land wurden angewiesen, das Evangelium gemäss Zwinglis Auslegung zu predigen.

1522 veröffentlichte Zwingli seine erste reformatorische Schrift gegen das Fasten der katholischen Kirche. 1523 würde in Gegenwart von fast 900 Zeugen aus eidgenössischen Orten über "Bilderdienst und Messe" gestritten, Grund dafür war die Predigt gegen die Bilderverehrung und der daraus folgende Bildersturm. 1524 wurde auch die Messe abgeschafft, und Zwingli verheiratet sich.

Die Reformation betraf nicht nur das religiöse Leben, auch das Schul- und Ehewesen wurde neu geregelt und die Sittengesetze herausgegeben. Obwohl Zwingli kein politisches Amt bekleidete, hatte er grossen Einfluss, weil der Rat wusste, dass das Volk auf Zwinglis Predigten hörte.

1525 erschien Zwinglis "Glaubensbekenntnis: von der wahren und falschen Religion". Mit Luther und anderen deutschen Reformatoren war sich Zwingli meist einig, Zwingli war jedoch in liturgischer Beziehung radikaler und akzeptierte die "leibliche Gegenwart" Christi im Abendmahl nicht. 1525 war die Reformation in Zürich abgeschlossen; Bilder, Messen und Zölibat waren abgeschafft worden, es gab eine geregelte Armenfürsorge, welche man aus den Geldern finanzierte, die durch die Säkularisation von Klöstern der Stadt Zürich frei wurden.

Für Zwingli gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat. Er hatte ehrgeizige Pläne, wollte er doch zusammen mit Philipp dem Grossmütigen "die Welt aus der Umklammerung des (katholischen) Habsburgers retten". Auch Bern hatte er bereits für sich eingenommen, ausserdem schien 1529 die drohende Gefahr eines Glaubenskrieges zwischen Zürich und den fünf katholischen Urkantonen der Schweiz gebannt.

Zwingli fand seinen Tod im Jahre 1531, nachdem der während der Schlacht bei Kappel in die Hände der katholischen Innerschweizer geriet.

 

Erst das Toleranz-Edikt des Züricher Regierungsrates 1807 erlaubte erstmals seit der Reformation 1523 wieder eine katholische Gemeinde in Zürich. Zuvor durften sich keine Katholiken in Zürich ansiedeln. Erst wurde ihnen die St. Anna-Kapelle für den Gottesdienst überlassen. 1874 wurde die Kirche St. Peter und Paul daran gebaut und 1885 geweiht. Die Kirche in Aussersihl ist die erste römisch-katholische Kirche, welche nach der Reformation erbaut wurde und gilt als Mutterkirche des katholischen Zürichs.

 

Nach diesem komplexen Exkurs in Zürichs religiöse Vergangeheit komme ich nun wieder zu meiner Personensuche zurück: Katholisch war diese Person mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Der Suche nach ihr konnte ich nun in den reformierten Kirche nachgehen. Und dort wurde ich auch fündig.

 

Nicht selten kommt einem während der Ahnenforschung die Welt-Geschichte in die Quere. Das ist eine gute Gelegenheit, Verpasstes aus dem Geschichtsunterricht nochmals unter die Lupe zu nehmen. Und auf einmal erhalten diese damals unverständlichen Begebenheiten der Geschichte ein Gesicht und man versteht endlich die Zusammenhänge...