Entschwinden


Maria and Joseph, Wädenswil 1915

Marie & Joseph, ca. 1915 in Wädenswil

 

In  fremde  Hände


Biographischer  Roman


Unsere Vorfahren - oder als alle noch gleich hiessen

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Maria und Joseph zu Bethlehem? Es war ungefähr im Jahre Null in unserer Zeitrechnung, als Kaiser Augustus eine Volkszählung (je nach Quelle für die Steuereinschätzung und des Beweises des ererbten Grundbesitzes oder um zu eruieren, wer römischer Bürger war und wer "Ausländer") durchführen wollte, wofür sich alle in ihre Geburtsstadt zu begeben hatten, und Joseph war in Bethlehem geboren. Dorthin begab sich also der Zimmermann von Nazareth mit seiner hochschwangeren Frau. Es wurde uns schon im Kindergarten erzählt, dass sie dort keine Unterkunft gefunden hätten - oder überall doch abgewiesen worden wären, so dass Jesus schliesslich in einem Stall das Licht der Welt erblickte.

 

Maria und Joseph. Warum hiessen die beiden so? Maria gibt es wohl in vielen Sprachen als Variante, und Joseph? Als ich mir meinen Stammbaum einmal genau angeschaut habe, ist mir aufgefallen, dass erstens 80% der Frauen mit erstem Vornamen Maria hiessen - die meisten wurden bei ihrem zweiten Vornamen gerufen, welche ebenfalls nicht stark variierten - und zweitens die Männer von einem Zweig alle Johann und von anderen Zweig alle Joseph, je nach Gebiet, von dem sie stammten. Auch sie wurden vermutlich bei ihrem zweiten Vornamen gerufen. Was liegt wohl näher bei den Herzen der Menschen, als die Hauptfiguren in einer wichtigen Geschichte gleich nach ihnen zu benennen?

 

Die Weihnachtsgeschichte

 

Maria und Joseph. So hiessen meine Urgrosseltern. Und das hier ist die Geschichte von Maria und Joseph, ihre wahre Geschichte. Eine Geschichte, die entfernt oder doch nicht so entfernt an die Weihnachtsgeschichte erinnert, enthält sie doch viele wichtige Elemente dieser, wenngleich nicht unbedingt in derselben Reihenfolge. Ach ja, und Joseph, mein Urgrossvater, war übrigens auch Zimmermann von Beruf, ein Zimmermann, der in der Fremde arbeitete...

Sie denken, die Weihnachtsgeschichte habe ein Happyend? Vielleicht ein vorübergehendes, aber dann wollte Herodes doch das Jesuskind umbringen, und es folgte eine Flucht nach Ägypten, und letzten Endes, drei Jahrzehnte später, wird Jesus verraten. Er stirbt alleine (gelassen).

Im vorliegenden Roman nenne ich Maria bei der französischen Variante des namens: Marie. So hat sie sich bei der Trauung mit Joseph genannt (nicht einmal die zweiten Vornamen sind im Kirchenbuch erwähnt!). In amtlichen Dokumenten hingegen wurden sehr oft die ersten Vornamen weggelassen oder abgekürzt mit "M." für Maria und "Jos." für Joseph oder "Joh." für Johann und nur die zweiten Vornamen ausgeschrieben, denn nur diese konnten die Personen mehr oder weniger identifizieren in einer Gesellschaft, in der fast sämtliche weiblichen Personen Maria und alle männlichen Joseph oder Johann hiessen.

 

Taufbuch

 

Es handelt sich hier um einen biographischen Roman und nicht um eine reine Biographie, eine solche wäre mir nicht möglich gewesen zu schrieben. Viel zu viele Fakten sind nicht belegt oder gar nicht vorhanden, um eine detaillierte Biographie über meine Urgrossmutter zu schreiben. Es gibt keine persönlichen Stellungnahmen, da kein einziger Brief und keine einzige eigenhändig geschriebene Notiz meiner Urgrosseltern mehr vorhanden sind. Lediglich ein paar wenige Fotos habe ich gefunden. Und ich konnte den Erzählungen lauschen, welche mir die übrig gebliebenen zwei Menschen, welche meine Urgrosseltern noch gekannt haben, gerne mitgeteilt haben. Und dann gibt es die amtlichen Dokumente, welche in Bezirks-, Gemeinde- und Staatsarchiven gelagert werden und in die man nur Einsicht erhält, wenn man direkter Nachkomme ist, manchmal sogar nur nach einen ausführlichen Gesuch, das vom Gericht erst bewilligt werden muss. Personendaten werden in der Schweiz erst frühestens nach 80 Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, manchmal jedoch gar nicht, weil die Nachkommen ebenfalls geschützt werden müssen. Da versteht man auf einmal, wie der etwas sarkastisch gemeinte Satz zu verstehen ist: "Im Tod werden die Menschen besser geschützt als im Leben." Auf meine Urgrossmutter trifft dies jedenfalls zu. Als sie noch lebte, hat ihr niemand helfen wollen (mit wenigen Ausnahmen: es gab da eine couragierte Ärztin, welche sich offenherzig und bedingungslos für sie einsetzte) - und jetzt will man nicht, dass davon berichtet wird...

schreiben mit Füllfeder

 

Weil eben zu viele Unbekannte in der Gleichung stehen, habe ich mich für einen biographischen Roman entschieden und nicht für eine Biographie. Da werde ich, soweit es mir möglich ist, die bekannten Fakten einfliessen lassen, obwohl ich wegen des Personen-Schutzes auch diese verfremden muss. Und den Rest, den werde ich einfach "dazuerfinden". Gleichzeitig geht es mir dabei nicht nur um die Lust am Fabulieren, sondern darum, am Ende für mich selbst eine Erklärung zu finden für rätselhafte Vorfälle, bei denen sich die Spur verliert und die nie mehr aufgeklärt werden können, weil alle Beteiligten nicht mehr leben und ihr Leben lang über den Vorfall geschwiegen haben. Nicht zuletzt dient die romanisierte Version über die Biographie dazu, nicht einfach die (bekannten) Fakten aneinanderzureihen, sondern sie in eine Lebensgeschichte einzubetten, so dass sie einen (zeitgeschichtlichen) Hintergrund erhalten. Vielleicht wird so klar(er), warum alles so gekommen ist.

Und schliesslich soll dieses Buch auch spannend sein - und ein bisschen aus einem Leben von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts anschaulich machen.

 


Ausheirat - eine kleine Geschichte der Schweiz

Und nicht nur der Schweiz, muss hier fairerweise angefügt werden.

 

Ringe, Eheringe

 

Bis Ende des 20. Jahrhunderts verlor eine Frau, welche heiratete, ihr Bürgerrecht und erhielt dasjenige ihres Ehemannes. Wenn sie eine Schweizerin war und ihr Angetrauter ebenfalls, "blieb" sie selbstverständlich Schweizerin, oder man könnte auch sagen, sie verlor ihr eigenes Schweizer Bürgerrecht und erhielt dasjenige ihres Mannes. Denn in der Schweiz gibt es nicht nur das "Staatsbürgerrecht" (eigentlich ein unkorrekter Ausdruck, denn in der Schweiz ist ein Staat ein Kanton, von welchen sich erst 1848 einige zu einer Nation, dem Land Schweiz, zusammenschlossen, davor war jeder Staat, also Kanton, sein eigener Herr und Meister; es müsste korrekterweise "Landesbürgerrecht" heissen), es gibt auch ein Bürgerrecht auf Gemeinde-Ebene, und mit diesem wiederum gehört man einem Kanton an.

 

Dieses Bürgerrecht hat nichts mit dem Geburtsort zu tun, sondern man erhält es nach Abstammung, das heisst, es wird väterlicherseits auf die Kinder übertragen, auch wenn schon seit Generationen diesen Bürgerort nie mehr besucht wurde und keine Beziehung mehr zu dieser Gemeinde besteht (und doch ist man gleichzeitig stolz auf diesen unbekannten Ort, zu dem man gehört...). Früher machte der Bürgerort folgenden Sinn: wenn jemand verarmte, musste sein Bürgerort für diesen Bürger finanziell aufkommen, oder er war zuständig für die Behinderten- und Altenbetreuung. Heute gilt dies nicht mehr, heute ist der Wohnort für Sozialfälle zuständig. Dafür jedoch sind diese Bürgerorte heute unglaublich wichtig für die Familienforschung. Dort findet sich alles über die Vorfahren: Geburten, Todesfälle, Heiraten. Die Lebensdaten werden noch immer dort eingetragen, aber nur solange man das Bürgerrecht der Schweiz hat. Verliert man dieses, verliert man damit auch den Anspruch auf Nachführung der Einträge - auch wenn man weiterhin in der Schweiz wohnhaft bleibt.

 

Pass, Schweizer Pass, Schweiz

 

"Ausheirat" war der Begriff, der verwendet wurde, wenn eine Frau einen ausländischen Bürger heiratete. Sie heiratete aus der Schweiz - auch wenn sie innerhalb der Schweiz heiratete und weiterhin dort wohnte, und auch wenn ihr Ehemann längst in der Schweiz lebte und arbeitete. Und alle ihre Kinder erhielten das Bürgerrecht des Ehemannes. Es galt "die Einheit der Familie", und der Mann bildete das Oberhaupt der Familie.

"Ausheirat" ist kein positiver Begriff, es bedeutet ausgeschossen werden von einer Gemeinschaft, weil man es nicht lassen konnte, einen Ausländer zu heiraten (umgekehrt gab es für Ausländerinnen die Einheirat in das Schweizer Bürgerrecht, und selbstverständlich erhielten diese Frauen auch den Bürgerort des Ehemannes - die Heirat konnte auch im Ausland stattfinden). Wenn eine Frau durch die Heirat eines Ausländers Ausländerin wurde und weiterhin in der Schweiz wohnhaft war und ihr Mann verstarb, wurde sie oft samt den Kindern in die Heimat des Ehemannes ausgeschafft, in ein Land, das sie vermutlich noch nie zuvor gesehen hatte und dessen Sprache sie nicht mächtig war. In der Schweiz fühlte man sich nicht zuständig für eventuelle Armutskosten für diese vaterlose Familie. Manchmal liess man Gnade walten, und die Familie konnte in der ehemaligen Heimat der Frau verbleiben. Aber gerade vor und während des 2. Weltkrieges wurden die Gesetze buchstabengetreu angewandt diesbezüglich - allem voran bei Deutschen Staatsbürgern (und solchen, die es durch die Heirat geworden waren), denn sie waren FEINDE (sie wurden denn auch "deutsche Reichsangehörige" genannt, was heute einen bitteren Nachgeschmack hat).

Abschub, Staatsarchiv Zürich

Erst ab 1953 Jahren konnten alle Frauen samt ihren Kindern (aber nicht ihren Ehemännern), welche ihr Schweizer Bürgerrecht durch eine Ausheirat verloren hatten, einen Rückbürgerungsantrag stellen. Das taten fast alle, die Angst vor der Ausschaffung während des Weltkrieges steckte ihnen noch in den Knochen... Von da an konnten die Frauen bei der Heirat erklären, dass sie ihr Schweizer Bürgerrecht behalten wollten - aber es war nicht automatisch so. Bis 1988, als das neue Eherecht in Kraft trat, wurde dies so gehandhabt. Seit 1988 behält erstens die Frau ihr Bürgerrecht ohne entsprechende Erklärung (und eine Ausländerin erhält ab 1992 dieses nicht mehr automatisch), und zweitens erhalten auch ihre Kinder ihr Bürgerrecht (ab 1978 rückwirkend), auch wenn sie im Ausland wohnt - so wie früher die Kinder auch von seit Generationen im Ausland lebenden Schweizer Männern automatisch ebenfalls Schweizer wurden, auch wenn sie keinen Bezug mehr zur Schweiz hatten.

Entschädigung, Entschuldigung

 

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Bundesrat der Schweiz bei vielen benachteiligten Bevölkerungsgruppen entschuldigt, denen (schreiendes) Unrecht angetan wurde, nur vereinzelt wurde auch eine (kleine) Entschädigung an die Betroffenen ausgerichtet, doch auch heute warten noch unzählige Geschädigte auf eine Kompensation, viele davon sind bereits verstorben: bei den "Kindern der Landstrasse" (Kinder der Jenischen, der Schweizer Fahrenden, wurden über Jahrzehnte hinweg ihren Familien weggenommen und "versorgt"), bei den Verdingkindern (meist unehelich Geborene oder auch Waisen und Halbwaisen wurden ihren Mütter weggenommen und mussten als Kind oft auf Bauernhöfen hart arbeiten und wurden dabei als meist wie Sklaven gehalten), bei den Frauen, welche minderjährig ein uneheliches Kind erwarteten (sie wurden zusammen mit verurteilten Straftäterinnen im Frauengefängnis interniert, wie Straftäterinnen behandelt und nie entschädigt), Spazzacamini (Buben aus dem Tessin, welche von ihren Familien aus finanzieller Not nach Mailand verkauft wurden, wo sie als Kaminputzer arbeiten mussten und mehr schlecht als recht lebten), ... Die Liste ist nicht abschliessend!

 

Geld

 

Die "ausgeheirateten", abgeschobenen Frauen in die Heimatländer ihrer Ehemänner, aus welchem Grund auch immer, wurden bisher von den Behörden ignoriert. Über ihre Schicksale ist wenig bekannt. Ich möchte mit meinem biographischen Roman über das Leben meiner Urgrossmutter ein bisschen Licht ins Dunkel ihrer Lebens-Geschichten bringen. Auch diese Familien haben eine öffentliche Entschuldigung verdient, denn auch sie haben gelitten unter der menschenunwürdigen Gesetzgebung. Eine Anerkennung ihrer Schicksale und der Entschuldigung für dadurch Erlittenes gibt den Nachkommen auch die Möglichkeit, einfacher an die darüber archivierten Dokumente zu gelangen. Ich habe selbst erfahren, dass es nicht immer einfach ist, Akteneinsichten zu erhalten und man hartnäckig sein muss, bis man das Gewünschte bekommen hat.

Das hier ist das Schicksal meiner Urgrossmutter Marie.